ARTIKEL AUS DER HUNDEREVUE AUSGABE 6/2006
OVTSCHARKA ALS FREUNDE UND HAUSGENOSSEN.
Vor sechs Jahren entdeckte Robert Schneider bei einer Zuchtschau in Dortmund seine Leidenschaft für Zentralasiatische Ovtscharkas. HUNDE REVUE-Redakteurin Heike Wells stellt den Züchter und seine imposanten Hunde vor:
Das Interesse an der Natur, an Tieren und Hunden insbesondere ist Robert Schneider wahrscheinlich in die Wiege gelegt: Schon als Kind spielte er mit den Hunden in der Nachbarschaft und wünschte sich nichts sehnlicher als einen vierbeinigen Gefährten. Mit neun Jahren bekam er ihn, einen Deutschen Schäferhund. Nach weiteren Schäferhunden und einem Riesenschnauzer entdeckte der gebürtige Kölner schliesslich vor sechs Jahren seine Leidenschaft für eine Hunderasse, die in Deutschland kaum bekannt ist und wegen ihrer Abstammung aus den Ländern wie Turkmenistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Kirgisien zu Recht als exotisch bezeichnet werden darf: für den Zentralasiatischen Ovtscharka.
DIE SUCHE NACH DEM IDEALEN HUND.
Ein grosser, kräftiger , imposanter Hund, einer mit „Bewegungsdynamik“ , mit Feuer, Wachsamkeit und gleichzeitig ruhigem Temperament – so in etwa sah das Idealbild des gelernten Kfz-Mechanikers und Hundeführers und - ausbilders (unter anderem bei Bundeswehr und Wachdiensten) nach vielen Jahren Erfahrung aus. "Ich war aktiv im Hundesport, habe aber schon immer nicht nur nach Sport- und Diensthunden geschaut, sondern mich auch für andere Rassen interessiert“, erzählt er. Sein künftiger Vierbeiner musste nicht schutzdiensttauglich, sollte aber wachsam, dazu „erzieh- und ausbildbar“ sein. Er sollte kein allzu dickes Haarkleid haben, weil Schneider seine Hunde von jeher im Haus hält: „Ich habe sie gerne alle um mich...“, sagt er lachend.
Über Jahre besuchte der heute 44jährige Hundeausstellungen. Er merkte, dass er sich zu den Molossern am stärksten hingezogen fühlte – aber den in seinen Augen perfekten Hund fand er lange nicht. Bis er vor sechs Jahren, bei einer Europasieger-Zuchtschau des VDH in Dortmund, einen Zentralasiatischen Ovtscharka sah. Zentralasiatischer Ovtscharka? Von dieser Rasse hatte er bis dahin nie gehört oder gelesen. Sein Interesse war jedoch geweckt. Sein Herz gewonnen: „Der hat mich sofort beeindruckt“ , sagt Robert Schneider. „Grösse und Gewicht, gepaart mit Harmonie in Gebäude und Bewegung“ sind Stichworte, die ihm als erstes einfallen, wenn er an diesen in Dortmund gezeigten Ovtscharka-Rüden einer russischen Züchterin denkt. Der Hund müsste etwa 75 cm gross gewesen sein, wog vielleicht 65 Kilo, schätzt Schneider – zeigte trotz der Körpermasse „leichtfüssige Bewegungen wie sonst die mittelgrossen Gebrauchshunde“.
„Kein bisschen Plumpheit“, vielmehr Festigkeit im Körperbau, parallele Gliedmassen, ein flacher Schädel mit wenig Stop sind weitere Pluspunkte im Exterieur, die ihm gefielen. Charakterlich beeindruckte der Hund ihn durch die Kombination von Phlegma und Sanftheit mit Wachsamkeit und sprühendem Temperament.
In Russland stellen die aus Zentralasien stammenden Hunde heute die am häufigsten kontrolliert gezüchtete Rasse.
So einem Hund wollte er haben! Aber bei seiner Suche nach weiteren Ovtscharkas stellte er fest, dass bei weitem nicht alle der Qualität des Exemplars entsprachen, das er als erstes gesehen hatte. Also machte er sich auf die Suche nach der russischen Züchterin von der Dortmunder Hundeausstellung,und wurde auch fündig (ihr Name ist Natalia Smirnowa), reiste gen Osten, einmal und immer wieder. Übrigens fand er dabei nicht nur seine Hunde, sondern auch seine Lebenspartnerin, Anna, heute Schneider, eine Tierärztin aus Sibirien.
Aber dazu später, zurück zu den Ovtscharkas: Seine erster war eine Hündin aus der Zucht von Natalia Smirnowa, die in Russland einen renommierten Zwinger der Rasse betreibt. In Russland stellen diese ursprünglich aus den heutigen Republiken Zentralasiens stammenden Hunde heute die am häufigsten kontrolliert gezüchtete Rasse: 14000 Welpen mit FCI-Papieren werden nach Robert Schneiders Angaben dort jährlich geboren. Zum Einsatz kommen die imposanten Vierbeiner, wie im ehemaligen Sowjetreich häufig, nach wie vor als Wachhunde in Gefängnissen oder militärischen Anlagen, werden heute aber verstärkt auch als Familienhundegehalten, erzählt der Mann, der zum Experten in Sachen Ovtscharkas geworden ist.
In Zentralasien dagegen sind nach wie vor wichtige Helfer des Menschen beim Bewachen und Schätzen der Herden. „Da laufen schon mal zehn, zwölf Hunde mit mehreren tausend Schafen ohne Hirten“, berichtet Schneider. Und weil die vierbeinigen Viehhüter dabei nicht selten vier bis fünf Tage ohne Futter auskommen müssen, bis sie wieder ausgetauscht werden, zhlen Zentralasiatische Ovtscharkas zu den wenigen traditionellen Hirtenhunden, mit „einem gewissen Jagdtrieb“, wie Robert Schneider in Erfahrung gebracht hat: „Die schnappen sich schon mal einen Hasen oder ein Murmeltier, wenn es ihnen bei der Arbeit vor die Nase läuft.“
Schneider weiss all das aus eigener Anschauung, denn er hat auch die ursprüngliche Heimat der Zentralasiaten bereist auf der Suche nach weiteren Hunden. Denn sein Ziel stand schnell fest: In Deutschland wollte er eine Zucht aufbauen. Übrigens werden Ovtscharkas überall im Osten nach wie vor sowohl an der Rute als auch besonders stark an den Ohren kupiert, was bei uns längst verboten ist.
3000 KILOMETR QUER DURCH SIBIRIEN.
Bei seinen Recherchen wurde ihm berichtet, dass vor allem in Sibirien die schönsten Exemplare der Rasse zu finden seien. Der Ovtscharka-Fan: „Ich bin mit dem Auto 3000 Kilometer gefahren und habe mich bei verschiedenen Züchtern umgeschaut.“
In Sibirien fand Robert Schneider nicht nur Hunde für seine eigene Zucht, sondern auch seine heutige Frau Anna.
Und dort, in Sibirien, beginnt die Liebesgeschichte von Anna und Robert. Die Tierärztin arbeitete bei einem dieser Züchter. Man trifft sich, man vereinbart in Kontakt zu bleiben, es gibt gegenseitige Besuche- und es gibt die gemeinsame Leidenschaft für die Ovtscharkas . „ Ich konnte kaum russisch, sie nur drei Worte deutsch, aber wir haben uns mit Händen und Füssen verständigt“, lacht Schneider. Seit 2002 sind Anna und Robert Schneider verheiratet, leben gemeinsam in der Eifel, zu Annas heute siebenjährigen Sohn Ilja gesellten sich Erik drei, und Julia, zwei Jahre.
Ohne die Hilfe von Anna hätte Robert Schneider wohl kapituliert vor den Schwierigkeiten, die der Export von Hunden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion oft mit sich bringt: „Das ist ein unglaublicher Papierkram“, erzählt er. Nur eines von vielen Beispielen ist die Vorschrift, eine schriftliche Bestätigung beizubringen, dass der Vierbeiner „nicht von nationalem russischen Interesse ist“.
Aber es klappte Schritt für Schritt mit dem Aufbau eines eigenen Zwingers. Drei Würfe haben die Schneiders bisher innerhalb des VDH gemacht. Derzeit gehören fünf erwachsene Ovtscharkas und zwei Welpen zur Familie. Und fügen sich dort problemlos ein, schwärmt Robert Schneider: „ Es ist einfach wunderbar mit diesen Hunden zu leben.“
Damit Ovtscharkas zu so unkomplizierten Familienmitgliedern werden wie bei Schneiders, gibt es allerdings einiges zu beachten, weiss der erfahrene Hundefreund: “Sie sind sehr gute Wachhunde, energisch und durchsetzungsfähig, und neigen wie alle Herdenschutzhunde dazu, ihr Territorium auszuweiten und zu verteidigen.“
Um so wichtiger sei eine frühzeitige und sehr sorgfältige Sozialisierung nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Artgenossen und anderen Tieren. Anders als andere Herdenschutzhunde wiederum seien Ovtscharkas ausgesprochen menschenbezogen und binden sich nicht vornehmlich an eine Person. Schneider: „Sie lieben die ganze Familie, auch den Kanarienvogel.“
Die Eigenschaften, die er an dem Ovtscharka-Rüden bei der Dortmunder Ausstellung so bewunderte, findet Schneider nun in seinen eigenen Hunden wieder: Die Kombination aus Langmut und hoher Reizschwelle einerseits mit Wachheit und der Fähigkeit und Bereitschaft, ganz schnell zu reagieren andererseits: „Die Hunde können fünf Stunden unbeweglich irgendwo liegen und binnen Sekundenbruchteilen durchstarten.“
Was ihn als Familienvater besonders fasziniert, ist die Verträglichkeit dieser imposanten Riesen mit Kindern: „Da zeigen sie sich unglaublich geduldig, sanftmütig und ganz vorsichtig.“ Kein Wunder meint Robert Schneider, dass Therapiezentren in Russland die mit Hunden arbeiten, für diese Aufgabe fast ausschliesslich Ovtscharkas auswählen.
Der Artikel erschien in der Ausgabe 6/2006 der Hunderevue.